
Wetzlarer Neue Zeitung - 14.06.2002
Die Freilichtbühne Bonbaden startet mit "Urmel" in die Jubiläumssaison
Braunfels-Bonbaden. Damit auch alles perfekt
läuft, wird bereits mit Feuereifer geprobt.
Die Starallüren ihrer großen Vorbilder haben sie nicht nötig, obwohl viele der
3- bis 14-jährigen Kinder bereits alte Hasen im Schauspielgeschäft sind.
"Miau, miau" erklingt es aus rund 20 Kinderkehlen. Kein Zweifel: Hier wird ernst
und gewissenhaft geprobt. Denn im Jubiläumsjahr müssen Text, Mimik und Kostüme
noch ein bisschen perfekter sitzen als sonst.
Kinder werden zu Schauspielern
"Auf die Bühne!" Laut klatscht Elge Kutscher in die Hände. Sie ist Regisseurin
des Kinderstücks Pinocchio, das in dieser Saison unter anderem auf dem Spielplan
steht. Seit gut 13 Jahren arbeitet sie ehrenamtlich für den Verein
Freilichtbühne Bonbaden.
Klar, dass sie selbst auch schon auf eine lange Schauspielkarriere zurückblicken
kann. Mittlerweile hat sie aber ihr Faible für die Betreuung des
Schauspielnachwuchses, sprich der Kindergruppe, entdeckt. "Viele der Kinder
haben schulische Probleme oder sind verhaltensauffällig. Durch das
Theaterspielen gewinnen sie an Selbstvertrauen", erklärt Kutscher.
Die rund 200 Mitglieder des Vereins verbindet die Liebe zur Schauspielerei. Ohne
diese Motivation wäre die Freilichtbühne in so manchem Jahr bereits "abgesoffen"
- im wahrsten Sinne des Wortes.
Oft schon stand das Vereinsheim bis zum Zapfhahn unter Wasser, Stürme oder
andere Wetterkapriolen zerstörten die Bühne oder die Lichttechnik - doch die
Laiendarsteller ließen sich nicht unterkriegen. Ihre Waldbühne im Stile eines
griechischen Amphitheaters bauten sie immer wieder und meistens noch schöner als
zuvor wieder auf.
Auch das Repertoire hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Lag anfangs der
Schwerpunkt auf klassisch-schwerer Schauspielkost, wie beispielsweise Wilhelm
Tell, ging man bald schon zu Heimatstücken wie etwa "Das Wirtshaus im Spessart"
über.
Große Erfolge mit Mundartstücken
Den größten Erfolg aber haben die erwachsenen Schauspieler zurzeit mit den
Mundartstücken. "Die Leute wollen unterhalten werden. Sie wollen sich hierher
setzen und sich halb tot lachen", fasst die Vorsitzende des Vereins, Ursula
Bodem, die Motivation der Zuschauer zusammen. Ihrer Meinung nach buchen die
Leute eine Art "Wohlfühlpaket": Vor Beginn der Abendvorstellung gebe es
Bratwurst und Getränke, dann schaue man sich das Stück an und bringt sich in
Stimmung. "Da kann es dann schon mal ziemlich spät werden", sagt Bodem
schmunzelnd.
Die Kindervorstellungen am Nachmittag gibt es erst seit 1986. Den Auftakt machte
der Räuber Hotzenplotz - sehr zur Begeisterung der jugendlichen Zuschauer und
Darsteller. Es folgten Pippi Langstrumpf, Momo, und auch die Abenteuer von Jim
Knopf brachte man auf die Bühne. Natürlich mit einer echten zischenden und
rauchenden Lokomotive.
Auch wenn die Proben manchmal schwierig zu koordinieren sind - immerhin haben
alle Aktive noch ein Leben neben der Schauspielerei - blicken Elge Kutscher,
Heide Bähr, Martina Waidhars, Ursula Bodem und alle Kinder, Techniker und
Kostümnäherinnen optimistisch in die Zukunft. Ihre Freilichtbühne wird nicht
untergehen - dafür werden sie schon sorgen.